„In der Vergangenheit haben wir eine Entwicklung zugelassen, bei welcher der Einzelhandel an den Stadtrand abgewandert ist“, sagte Oberbürgermeister Dr. Klaus Weichel gestern in der Stadtratssitzung. „Das wollen wir nun korrigieren. Für die Umsetzung des Projekts ,Neue Stadtmitte’ ist eine sorgfältig und stringent gesteuerte Planung wichtig“, so Weichel. Im Zuge der Umgestaltung der Innenstadt bedarf es gründlicher Untersuchungen. Deshalb hat der Stadtrat Gutachten in Auftrag gegeben, in denen die Verträglichkeit der beabsichtigten Umgestaltung geprüft wird. Ein Gutachten soll eine neue Verkehrsführung beurteilen, ein weiteres Gutachten die Verträglichkeit für den Einzelhandel. Gestern haben das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BulwienGesa und das Darmstädter Planungsbüro R+T dem Stadtrat der Stadtverwaltung Kaiserslautern erste Ergebnisse ihrer Untersuchungen präsentiert.
Das Projekt „Neue Stadtmitte“ beinhaltet unterschiedliche Bestandteile, etwa den Bau einer privat finanzierten Einkaufsgalerie, die Anbindung der Ausgrabungen der Kaiserpfalz an die Innenstadt oder die Verkehrsberuhigung der Innenstadt. Die notwendigen Untersuchungen zur Verträglichkeit beziehen sich neben Auswirkungen auf den Einzelhandel und den Verkehr auch auf weitere Bereiche, etwa auf die Architektur, die Wirtschaftlichkeit oder den Denkmalschutz. Die Ergebnisse beider Gutachten sollen nun als Grundlage für weitere städtebauliche und stadtentwicklungspolitische Entscheidungen des Stadtrats dienen.
Gewinn von Zentralität und Attraktivität
Bezüglich der Einzelhandelsverträglichkeit hatte das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BulwienGesa die Aufgabe, zu prüfen, welche Auswirkungen eine Einkaufsgalerie auf den bestehenden Einzelhandel hat. Untersucht wurden Verkaufsflächen in der Größe von 15.000, 19.000 und 24.000 und 28.000 Quadratmeter.
Laut Gutachten kann Kaiserslautern ein Einkaufscenter mit einer Gesamtgröße von 28.000 Quadratmeter gut vertragen. Die Gutachter halten auch die Größen 15.000, 19.000 und 24.000 Quadratmeter grundsätzlich für verträglich. Sie empfehlen jedoch eine Verkaufsfläche von 28.000 Quadratmeter, da es nur bei dieser Größenordnung gelingen kann, Magnetwirkung auf umliegende Regionen zu erzielen und Zentralität zu gewinnen. Das könne zwar eine Umverteilung der Umsätze zur Folge haben, vor allem in nicht integrierten Lagen, andererseits könnten auch dort Ansässige von der Magnetwirkung profitieren. „Kaiserslautern ist ein Oberzentrum und hat die Aufgabe, umliegende Kommunen mit zu versorgen. Eine Größe von 28.000 Quadratmeter kann eine Kaufkraftneubindung von insgesamt 25 Millionen Euro mit sich bringen“, so die Gutachter.
BulwienGesa hat im Rahmen der Bestandsanalyse verschiedene Kriterien herangezogen, beispielsweise die Einwohnerentwicklung und -prognose, die Haushaltsstruktur der Bevölkerung und das Kaufkraftniveau. Des Weiteren hat das Unternehmen eine Bestandsaufnahme der Einzelhandelsstrukturen nach Standorten vorgenommen und die Zahl der Betriebe, die branchenspezifischen Verkaufsflächen sowie die Qualität des Angebotes untersucht. Dazu gehörte die Ermittlung der Einzelhandelsumsätze, differenziert nach Branchen und Standortbereichen.
Weiterer Bestandteil zur Erstellung des Gutachtens war auch eine repräsentative telefonische Haushaltsbefragung. In einem Mix aus unterstützten Fragen, bei denen aus vorgegebenen Antworten gewählt werden konnte, und offenen Fragen wurden 1000 Bürgerinnen und Bürger zu ihrem Kaufverhalten befragt. Das seltene Einkaufen in Kaiserslautern begründeten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem schlechten Angebot, einer kleinen Auswahl und dem fehlenden Karstadt. Lieber fahren die Befragten zum Einkaufen nach Mannheim, Ludwigshafen oder Saarbrücken. Die Frage nach einer Verbesserung oder Ergänzung des Angebots beantworteten die Teilnehmer am häufigsten mit dem Wunsch nach dem Ansiedeln eines Einkaufsmagneten in der Innenstadt.
Mehr Qualität durch neue Verkehrsführung
Das Planungsbüro R+T ermittelte anhand von Planfällen und Modellrechnungen grundlegende Analysen zu Verkehrsbelastungen und Auslastungsquoten im gesamten Innenstadtbereich. Aufbauend darauf gingen sie folgenden Fragen auf den Grund: Funktioniert die angestrebte Idee, welche eine Verkehrsberuhigung mit sich bringt überhaupt? Können die aktuell aufkommenden Verkehre überhaupt mit der neuen Umgestaltung abgewickelt werden? Welche Auswirkungen ergeben sich, wenn eine neue Stadtgalerie realisiert wird? Die Ingenieure kamen zu dem Ergebnis, dass die neue Verkehrsführung umsetzbar ist. Sie wird viele Verkehrsentlastungen mit sich bringen, aber auch wenige aktuelle Belastungen beibehalten. Aus verkehrsplanerischer Sicht empfehlen die Experten, über weiteren Parkraum nachzudenken, denn ihrer Meinung nach würden die geplanten Parkplätze der möglichen Einkaufsgalerie nicht ausreichen. Alternativen seien wichtig, damit an verkehrsreichen Tagen wie etwa an verkaufsoffenen Sonntagen der Verkehr nicht zusammenbreche.
Zusammenfassend könnte – so die Gutachter – Kaiserslautern durch eine Umgestaltung an Attraktivität gewinnen und durch den Bau einer Einkaufsgalerie einem Ergänzungsbedarf gerecht werden, der für den Status eines Oberzentrums angemessen ist.